Warum dich auch kleine Bemerkungen tagelang nicht loslassen, und wie du dich innerlich stärken kannst

“Das war bestimmt gar nicht so gemeint. Oder vielleicht doch? Oh Gott, was denken die jetzt bloß über mich?"

Vielleicht war es wirklich nicht so gemeint. Trotzdem geht dir diese eine Szene einfach nicht mehr aus dem Kopf. Wieder und wieder gehst du sie durch und fragst dich, ob es nicht irgendwo einen bestimmten Tonfall gab, einen Blick, oder irgendetwas, das dir sagen könnte, wie es denn nun wirklich gemeint war. Manchmal können uns solche Momente sogar über mehrere Tage begleiten (oder auch belasten). Und vielleicht wünscht du dir auch manchmal, so etwas einfach schneller abhaken zu können, wie alle anderen ja auch.

Warum das oft leichter gesagt als getan ist, liest du in diesem Artikel. Hier erfährst du, was die Forschung über Kritikwahrnehmung bei ADHS zeigt, warum ausgerechnet die beiläufigen Bemerkungen oft am längsten bleiben, welche Rolle eine späte Diagnose dabei spielt, und was dir helfen kann, anders damit umzugehen.

Denn wir sind nicht zu sensibel, empfindlich oder nachtragend.

Was die Forschung zeigt

Bis heute gibt es noch keine breite Befundlage darüber, wie Menschen mit ADHS Kritik wahrnehmen. Erste Forschungen geben jedoch Hinweise.

So untersuchten Beaton, Sirois und Milne (2020) in einer Querschnittstudie, wie Erwachsene mit ADHS Kritik erleben. Anhand ihrer Stichprobe von 1.203 Erwachsenen, von denen knapp die Hälfte eine ADHS-Diagnose angab, wurden zwei Beobachtungen deutlich: Teilnehmende mit ADHS berichteten von deutlich mehr wahrgenommener Kritik als Teilnehmende ohne ADHS. Und sie gingen merklich weniger freundlich mit sich selbst um.

Entscheidend ist dabei das Zusammenspiel von beidem: Die erhöhte Kritikwahrnehmung erklärte statistisch einen Teil davon, warum Teilnehmende mit ADHS strenger mit sich selbst umgingen. Dieser Effekt blieb auch dann bestehen, wenn gleichzeitig vorliegende Depressionen oder Angststörungen herausgerechnet wurden. Der Zusammenhang war in dieser Stichprobe also nicht allein durch eine begleitende Depression oder Angststörung erklärbar.

Eine weitere Arbeit derselben Forschungsgruppe (Beaton, Sirois & Milne, 2022b) verglich 543 Erwachsene mit ADHS und 313 Erwachsene ohne ADHS. Hier stellte sich heraus, dass der strenge Umgang mit sich selbst zum Teil erklärte, warum die Teilnehmenden mit ADHS stärker unter depressiven Symptomen, Angst und Stress litten.

Zusammengefasst deuten diese Erkenntnisse darauf hin, dass mehr wahrgenommene Kritik bei den Teilnehmenden mit einem strengeren Umgang mit sich selbst einherging, und dieser wiederum mit einer stärkeren psychischen Belastung.

Dabei stellt keine dieser Verbindungen eine Charaktereigenschaft dar. Es sind Mechanismen.

Was bedeutet wahrgenommene Kritik? 
Wahrgenommene Kritik beschreibt, wie viel Kritik eine Person subjektiv erlebt - unabhängig davon, wie viel objektiv geäußert wurde. Sie wird in der Forschung über Selbstauskünfte erfasst, etwa mit der Frage, wie kritisch eine nahestehende Person einem gegenüber ist. Der Begriff trifft keine Aussage darüber, ob die Wahrnehmung zutrifft. Er beschreibt nur, was ankommt.

 

Warum gerade die kleinen Bemerkungen

In einer zusätzlichen Auswertung analysierte die Arbeitsgruppe von Beaton, Sirois und Milne (2022a) die Angaben von 162 Personen mit ADHS danach, wie sie Kritik im Alltag erlebten. Die Antworten wurden offen gestellt und anschließend auf wiederkehrende Muster hin ausgewertet. Zwei Erkenntnisse daraus sind besonders interessant.

Die erste betrifft das kritisierte Verhalten. Am häufigsten genannt wurden Verhaltensweisen aus dem Bereich der Unaufmerksamkeit, also Dinge wie Vergesslichkeit, fehlende Organisation und Schwierigkeiten mit dem Zeitmanagement. Impulsives Verhalten wurde vor allem in sozialen Situationen kritisiert.

Die zweite betrifft die Form der Kritik. Diese kam nicht nur als direkte Rückmeldung. Sie kam als Witz. Als Bemerkung nebenbei. Als Vergleich mit jemand anderem.

Möglicherweise ist das ein Grund dafür, dass uns die kleinen Dinge häufig so lange begleiten. Eine direkte Rückmeldung lässt sich klar einordnen, annehmen oder zurückweisen. Ein Witz nicht. Er ist zu beiläufig, um darauf zu reagieren, und doch zu eindeutig, um ihn zu überhören. Er bleibt stehen, denn meist gibt es nichts, womit man ihn beantworten könnte.

Und wenn dasselbe Verhalten über Jahre hinweg immer wieder beiläufig kommentiert wird, kann aus diesen einzelnen Sätzen eine innere Überzeugung entstehen.

Ein systematischer Überblick über elf Studien zum Selbstwert von Erwachsenen mit ADHS (Pedersen et al., 2024) zeigt ein wiederkehrendes Muster. In den meisten kontrollierten Untersuchungen lag der Selbstwert der Teilnehmenden mit ADHS unter dem der Vergleichsgruppen. Je stärker die Symptome ausgeprägt waren, desto niedriger fiel er aus.
Weil fast alle eingeschlossenen Studien Querschnittstudien sind, lässt sich nicht sagen, was hier Ursache und was Folge ist. Dass beides zusammenhängt, zeigt sich über diese Studien hinweg jedoch konsistent.

Ein niedriger Selbstwert ist weniger resistent gegenüber äußeren Einflüssen. Er gerät schneller ins Wanken. Eine beiläufige Bemerkung trifft hier nicht auf ein stabiles Fundament, sondern dockt an einer Stelle an, wo bereits Zweifel sitzen.

Was eine fehlende Diagnose damit zu tun hat

An dieser Stelle wird der Zusammenhang für Frauen auf eine eigene Weise relevant.

In ihrer Untersuchung stellten Beaton, Sirois und Milne (2022a) eine weitere Erkenntnis über die Wahrnehmung von Kritik heraus: Die Teilnehmenden beschrieben, dass es einen Unterschied machte, ob sie sich verstanden fühlten. Wo Verständnis für die ADHS da war, wurde dasselbe Feedback seltener als Kritik erlebt.

Verständnis setzt allerdings eine Erklärung voraus. Und die fehlt, solange niemand weiß, was dahintersteckt.

Ohne Diagnose haben wir für wiederkehrende Schwierigkeiten oft nur eine verfügbare Erklärung: Wir strengen uns einfach nicht genug an und sind demnach selbst dafür verantwortlich. Mit einer Diagnose verfügen wir über weitere, oft zutreffendere Erklärungen.
Eine Bemerkung über vergessene Termine kann mit Diagnose beispielsweise bedeuten: "das ist eine bekannte Schwierigkeit bei ADHS". Ohne Diagnose leiten wir aus derselben Bemerkung hingegen eher ab: "ich bin unzuverlässig".

Eine qualitative Untersuchung von Baig und Kahya (2025) an acht Frauen hebt genau diese Verschiebung hervor: Teilnehmerinnen lasen frühere Zuschreibungen nach der Diagnose nicht mehr als Charakterfehler, sondern als Merkmale der ADHS. So beschrieben sie beispielsweise, die Diagnose sei keine Ausrede gewesen, sondern ein Grund, oder dass sie seitdem seltener innerlich auf sich selbst “einschlugen”. Die Stichprobe ist klein, weshalb die Ergebnisse nicht zu verallgemeinern sind. Dennoch zeigt die Untersuchung, wie eine Erklärung die Deutung derselben Erfahrungen verändern kann.

Frauen erhalten ihre ADHS-Diagnose deutlich später als Männer, oft erst im Erwachsenenalter (Young et al., 2020). Eine der Folgen daraus ist, dass sie deutlich länger ohne passende Erklärung leben - und Rückmeldungen über viele Jahre hinweg meist direkt auf die eigene Person beziehen.

Eine aktuelle Untersuchung von 28 spät diagnostizierten Frauen (Holden & Kobayashi-Wood, 2025) beschreibt ein ähnliches Muster. Die Teilnehmerinnen berichteten, Kritik über Jahre verinnerlicht zu haben, und schilderten einen niedrigen Selbstwert, verbunden mit Schuld, Scham und einem negativen Bild von sich selbst.

Auch die Übersichtsarbeit von Pedersen et al. (2024) stellt heraus: Im Vergleich zu den Kontrollgruppen war der Selbstwert auch dann niedriger, wenn Teilnehmende keine formale Diagnose hatten, jedoch von deutlichen ADHS-Symptomen berichteten.

Diese Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die Jahre vor der Diagnose eine eigene Rolle spielen. Jahre, in denen wir keine passendere Erklärung hatten als die, dass es wohl an uns selbst liegen müsste.

Nicht dasselbe wie RSD

Diese Begriffe geraten leicht durcheinander, deshalb lohnt sich eine Abgrenzung.

Rejection Sensitive Dysphoria (RSD) ist kein diagnostisch anerkannter Begriff und bislang kaum empirisch untersucht. Beschrieben wird damit die akute emotionale Reaktion auf wahrgenommene Zurückweisung.

Worum es in diesem Artikel geht, liegt zeitlich danach. Nicht die einzelne Reaktion, sondern das, was sich aus Tausenden solcher Momente über Jahre aufbaut. Wie du heute mit dir selbst sprichst, wenn dir etwas misslingt - oder du dich fragst, wie du den letzten “humorvollen” Kommentar interpretieren sollst.

Beides hängt zusammen, ist aber nicht dasselbe. Sinnbildlich können wir die akute Reaktion als ein Gewitter beschreiben. Der innere Ton repräsentiert das Klima, das daraus entstanden ist.

Was dich innerlich stärken kann

Dieser Mechanismus lässt sich nicht einfach abschalten. Er hat sich über Jahrzehnte aufgebaut und braucht mehr als eine Erkenntnis, um zu verschwinden. Was sich jedoch verändern lässt, ist, wie viel Macht er über deine Deutung des einzelnen Moments bekommt.

Den Mechanismus beim Namen nennen. 

Wenn du dich das nächste Mal dabei ertappst, eine Situation immer wieder durchzuspielen, ist das kein Beweis für Überempfindlichkeit. Es zeigt lediglich, dass dein System darauf trainiert wurde, in (gefragten oder auch ungefragten) Rückmeldungen nach Belegen für die eigene Unzulänglichkeit zu suchen. Dieses Training hat Gründe, die du kennst. Das stellt das Grübeln noch nicht ein, aber es nimmt ihm die Rechtfertigung.

Zwischen Gesagtem und Gehörtem unterscheiden. 

Wenn du kannst, schreib auf, was tatsächlich gesagt wurde. Möglichst wörtlich. Darunter schreibst du, was du gehört hast. Oft steht oben ein Satz über eine Sache und unten ein Urteil über dich. Diese Lücke zu sehen, verändert nichts an der Bemerkung. Aber sie zeigt, wo die Verstärkung passiert. Und das ist ein Punkt, an dem du ansetzen kannst.

Wissen, welche Verhaltensweisen betroffen sind. 

Vielleicht sind es auch bei dir die Vergesslichkeit, die Organisation und das Zeitgefühl. Diese Bereiche wurden in der beschriebenen Studie (Beaton, Sirois & Milne, 2022a) am häufigsten kritisiert. Gleichzeitig sind es genau die Bereiche, in denen ein ADHS-Gehirn meist anders funktioniert als ein neurotypisches Gehirn. Wenn eine Bemerkung einen dieser Punkte trifft, geht es wahrscheinlich eher um eine Schwierigkeit, die der ADHS zuzuordnen ist - und nicht um deinen Wert als Mensch.

Verständnis dort herstellen, wo es wirklich zählt. 

Erste Hinweise deuten darauf hin, dass Verständnis die Wahrnehmung von Kritik verändern kann. Du kannst und musst nicht allen erklären, wie dein Gehirn arbeitet. Aber du kannst entscheiden, bei welchen Menschen es sich lohnt. Auch der ein oder andere ehrlich verständnisvolle Blick in den Spiegel kann hier einiges bewegen.

Diese vier Schritte verändern deinen inneren Ton nicht über Nacht. Was sie dir jedoch geben, ist ein Fundament: Sie helfen dir, Zusammenhänge zu verstehen und Muster zu erkennen, sowie einen ersten Grundton für eine freundlichere innere Stimme zu schaffen.

Ausblick

Eine Frage, die viele Menschen mit ADHS kennen, ist: “Was stimmt eigentlich nicht mit mir?”

Diese Frage entsteht nicht einfach aus dem Nichts. Sie ist die logische Schlussfolgerung aus sich wiederholenden Momenten, in denen Rückmeldungen kamen und Erklärungen fehlten. Für eine Person, die über lange Zeit immer wieder hört, dass etwas “nicht stimmt”, und keine andere Erklärung zur Verfügung hat, liegt die Schlussfolgerung nahe, dass es an der eigenen Person liegen muss.

Schlussfolgerungen lassen sich revidieren, wenn neue Informationen dazukommen. Den ersten Grundstein dafür hast du jetzt.

Im nächsten Artikel geht es darum, wie aus diesen Jahren der Eindruck entstehen kann, dass wir uns nicht auf uns selbst verlassen können, und was wir daran ändern können.

Quellen

  • Attoe, D.E., & Climie, E.A. (2023). Miss. Diagnosis: A systematic review of ADHD in adult women. Journal of Attention Disorders, 27(7), 645–657. https://doi.org/10.1177/10870547231161533

  • Baig, S.K., & Kahya, H.H. (2025). ‘I felt like a broken person’: the experiences of women navigating a late ADHD diagnosis in the UK. Advances in Mental Health. Vorab online veröffentlicht. https://doi.org/10.1080/18387357.2025.2524513

  • Beaton, D.M., Sirois, F., & Milne, E. (2020). Self-compassion and perceived criticism in adults with attention deficit hyperactivity disorder (ADHD). Mindfulness, 11(11), 2506–2518. https://doi.org/10.1007/s12671-020-01464-w

  • Beaton, D.M., Sirois, F., & Milne, E. (2022a). Experiences of criticism in adults with ADHD: A qualitative study. PLoS ONE, 17(2), e0263366. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0263366

  • Beaton, D.M., Sirois, F., & Milne, E. (2022b). The role of self-compassion in the mental health of adults with ADHD. Journal of Clinical Psychology, 78(12), 2497–2512. https://doi.org/10.1002/jclp.23354

  • Holden, E., & Kobayashi-Wood, H. (2025). Adverse experiences of women with undiagnosed ADHD and the invaluable role of diagnosis. Scientific Reports, 15, 20945. https://doi.org/10.1038/s41598-025-04782-y

  • Pedersen, A.B., Edvardsen, B.V., Messina, S.M., Volden, M.R., Weyandt, L.L., & Lundervold, A.J. (2024). Self-esteem in adults with ADHD using the Rosenberg Self-Esteem Scale: A systematic review. Journal of Attention Disorders, 28(7), 1124–1138. https://doi.org/10.1177/10870547241237245

  • Young, S., Adamo, N., Ásgeirsdóttir, B.B., et al. (2020). Females with ADHD: An expert consensus statement taking a lifespan approach providing guidance for the identification and treatment of attention-deficit/hyperactivity disorder in girls and women. BMC Psychiatry, 20(1), 404. https://doi.org/10.1186/s12888-020-02707-9

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