Jeden Monat holt es dich aufs Neue ein: PMDS bei Frauen mit ADHS

An manchen Tagen fühlen wir uns einfach nicht wie wir selbst. Als wären wir plötzlich jemand ganz anderes, dem alles irgendwie schwerer fällt, der Gefühle 1.000 Mal intensiver erlebt, schon fast grundlegend gereizt ist, und manchmal selbst gar nicht so richtig weiß, wo eigentlich die alte, viel gelassenere und fröhlichere Version von ihr geblieben ist. Viele Frauen mit ADHS erleben das immer wieder, Monat für Monat. Dabei lernen wir oft, dass das „einfach dazugehört“ und wir uns „nicht so anstellen“ sollten. Genau das versuchen wir vielleicht auch – und sind umso strenger mit uns, wenn die Gefühle dann doch mal wieder überschwappen.

Was dabei bis heute noch häufig übersehen wird, ist, dass Erlebnisse wie diese Ausdruck einer Prämenstruellen Dysphorischen Störung (PMDS, englisch PMDD) sein können – und dass Frauen mit ADHS deutlich häufiger als Frauen der Allgemeinbevölkerung von dieser betroffen sind.

In diesem Beitrag erfährst du, was PMDS wirklich ist, wie sie sich vom normalen Prämenstruellen Syndrom (PMS) unterscheidet, warum sie bei Frauen mit ADHS so häufig vorkommt und welche Wege es gibt, mit ihr umzugehen.

Wie sich PMDS anfühlen kann

Viele Frauen mit PMDS beschreiben ihr Erleben in der zweiten Zyklushälfte ähnlich: Irgendetwas verändert sich, und sie können es nicht steuern. Die Stimmung kippt, alltägliche Reize sind kaum erträglich, Konflikte eskalieren ungewollt, Gedanken werden dunkel, manchmal sogar bedrohlich. Und dann, oft innerhalb weniger Stunden nach Beginn der Menstruation, verschwindet alles wieder. Als wäre nichts gewesen.

Als das Befremdlichste der PMDS beschreiben viele Frauen nicht die Intensität der Symptome, sondern genau diesen Wechsel. Das Gefühl, dass die eigene Persönlichkeit regelmäßig zwischen zwei Zuständen hin und her switcht. Viele Betroffene beschreiben Scham- und Schuldgefühle, sowie tiefe Erschöpfung. Scham, weil sie Dinge sagen oder tun, die sich in der darauffolgenden Zyklushälfte anfühlen, als wären sie von jemand anderem gesteuert worden. Schuld gegenüber Partnerinnen, Kindern, Kolleginnen, Freund*innen, weil sie ihre Worte oder Handlungen im Nachhinein meist gar nicht so gemeint haben. Erschöpfung, weil sich dieser Kreislauf jeden Monat wiederholt.

Derartige Erfahrungen sind weder Übertreibungen noch persönliche Schwäche. Sie sind Ausdruck einer realen, neurobiologisch fundierten und ernstzunehmenden Störung.

Was PMDS bedeutet

PMDS wurde im DSM-5 (2013) und im ICD-11 (gültig seit 2022) offiziell als eigenständige Diagnose anerkannt. Sie beschreibt eine schwere Form prämenstrueller Beschwerden, die weit über das hinausgeht, was unter PMS verstanden wird.

Nach DSM-5-Kriterien müssen für eine PMDS-Diagnose mindestens fünf Symptome in der zweiten Zyklushälfte auftreten, von welchen mindestens eines affektiver Natur sein muss. Das DSM-5 unterteilt die Symptome in zwei funktionelle Symptomgruppen:

Kernsymptome (affektiv)

  • ausgeprägte depressive Verstimmung

  • starke Angst oder Anspannung

  • ausgeprägte Stimmungsschwankungen mit plötzlicher Traurigkeit und erhöhter Empfindlichkeit gegenüber Ablehnung/Zurückweisung

  • anhaltende Reizbarkeit oder Wut

Weitere Symptome (kognitiv/körperlich)

  • Interessenverlust

  • Konzentrationsschwierigkeiten

  • Erschöpfung

  • veränderter Appetit

  • Schlafstörungen

  • das Gefühl, überwältigt oder außer Kontrolle zu sein

  • körperliche Beschwerden

Entscheidend für die Diagnose sind drei Punkte:

  1. Die Symptome müssen in der Woche vor der Menstruation auftreten, sich mit dem Einsetzen der Blutung deutlich bessern und in der Woche nach der Menstruation weitgehend verschwinden.

  2. Sie müssen das soziale, berufliche oder private Leben spürbar beeinträchtigen.

  3. Sie müssen über mindestens zwei aufeinanderfolgende Zyklen im Verlauf dokumentiert werden, nicht rückblickend erinnert.

Der letzte Punkt ist wichtig, weil sich PMDS nur so sauber von anderen psychischen Erkrankungen unterscheiden lässt, die prämenstruell lediglich verstärkt werden.

PMS und PMDS sind nicht dasselbe

Der Unterschied zwischen PMS und PMDS ist mehr als eine Frage der Intensität. PMS ist eine Sammelbezeichnung für körperliche und emotionale Symptome in der zweiten Zyklushälfte, die unangenehm, aber in der Regel bewältigbar sind. Schätzungen zufolge erlebt ein Großteil der menstruierenden Frauen zumindest zeitweise PMS-Symptome.

PMDS betrifft etwa 3% - 8% der Frauen und ihre Symptome reichen weit über jene einer PMS hinaus. Sie geht mit einer klinisch bedeutsamen Beeinträchtigung, erhöhtem Suizidrisiko und einem Leidensdruck einher, der mit einer schweren depressiven Episode vergleichbar sein kann - allerdings zyklisch wiederkehrend.

PMDS ist keine Hormonstörung im klassischen Sinne. Die Hormonspiegel von Frauen mit PMDS unterscheiden sich nicht wesentlich von denen anderer Frauen. Was anders ist, ist die Reaktion des Gehirns auf die normalen zyklischen Hormonschwankungen. PMDS ist also eher eine Störung der Hormonverarbeitung als der Hormonproduktion.

Warum ADHS und PMDS so häufig zusammen auftreten

Die Zahlen zeigen einen eindeutigen Trend. Während etwa 3 bis 8 Prozent der Frauen in der Allgemeinbevölkerung an PMDS leiden, kommt PMDS bei Frauen mit ADHS laut aktuellen Screening-Untersuchungen deutlich häufiger vor. In einer Studie von Dorani et al. (2021) wurden 45,5% der Frauen mit ADHS positiv auf PMDS getestet. In der aktuelleren Studie von Broughton et al. (2025) lag der Anteil zwischen 31,4% und 41,1%. Am höchsten war hier das Risiko bei Frauen, die sowohl hohe ADHS-Symptomwerte als auch eine Depressions- oder Angstdiagnose aufwiesen. Für diese Gruppe fand die Studie ein etwa viereinhalbfach erhöhtes PMDS-Risiko gegenüber Frauen ohne ADHS.

Warum diese Verbindung so stark ist, lässt sich inzwischen zunehmend neurobiologisch erklären. Im Zentrum stehen zwei Botenstoffsysteme (diese sind zuständig für Signalübertragungen im Gehirn und im gesamten Körper):

1.Das Dopaminsystem.
Dieses ist zuständig für die Steuerung von Aufmerksamkeit, Motivation, Impulskontrolle und Antrieb. Bei ADHS ist das Dopaminsystem grundlegend anders reguliert als bei neurotypischen Gehirnen; die Dopaminverfügbarkeit ist hier unregelmäßiger. Eine Komponente, die die Dopaminverfügbarkeit im Gehirn unterstützt, ist das Zyklushormon Östrogen. Daher reagiert das Dopaminsystem besonders sensibel auf den starken Östrogenabfall in der zweiten Zyklushälfte, was für Frauen mit ADHS besonders spürbar sein kann.

2.Das GABA-System.
GABA ist der wichtigste hemmende Botenstoff im Gehirn und fördert somit unter anderem Beruhigung und emotionale Stabilität. Das Zyklushormon Progesteron, welches in der zweiten Zyklushälfte ansteigt, unterstützt diese Funktionen typischerweise. Paradoxerweise berichten sowohl Frauen mit ADHS als auch Frauen mit PMDS in der zweiten Zyklushälfte jedoch vermehrt von Reizbarkeit, Angst und emotionaler Instabilität. Bei Frauen mit PMDS lässt sich das durch eine veränderte Empfindlichkeit des GABA-Systems erklären. Bei Frauen mit ADHS bedarf es für eine Erklärung noch weiterer Forschung.


Zusammenfassend können wir die Verbindung von ADHS und PMDS als ein Bild beschreiben, in welchem sich zwei Komponenten gegenseitig verstärken: Ein ADHS-Gehirn, das ohnehin sensibler auf Hormonschwankungen reagiert, und eine Zyklusphase, in der genau diese Schwankungen am stärksten sind. Das Ergebnis bedeutet für viele Frauen jeden Monat eine neue Krise.

Warum PMDS bei Frauen mit ADHS so oft übersehen wird

Trotz ihrer offiziellen Anerkennung wird PMDS in der klinischen Praxis noch immer häufig nicht erkannt oder bagatellisiert. Bei Frauen mit ADHS gilt das besonders.

Dafür gibt es mehrere Gründe:

  1. Viele prämenstruelle Symptome überlappen sich mit ADHS-Symptomen (z.B. intensive Emotionen, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme). Was wirklich zyklisch ist, bleibt oft unsichtbar, weil es mit dem allgemeinen Erleben der ADHS verschwimmt.

  2. Frauen mit ADHS haben oft gelernt, ihre Beschwerden kleinzureden, zu unterdrücken und zu kompensieren. Was andere als Warnsignal einstufen, kann uns selbst wie der normale eigene Alltag erscheinen.

  3. Die Diagnostik ist anspruchsvoll. Eine saubere Abgrenzung zwischen einer primären PMDS und einer prämenstruellen Exazerbation (also einer zyklischen Verstärkung einer bestehenden anderen Erkrankung wie Depression oder ADHS) erfordert eine Dokumentation der Symptome im Verlauf des Zyklus über mindestens zwei Monate. Das wird in vielen Behandlungssettings schlicht nicht gemacht.

  4. Die medizinische Ausbildung. PMDS wird im Medizinstudium und in der Weiterbildung oft eher beiläufig behandelt. Viele Frauen kämpfen jahrelang um eine korrekte Diagnose.

Die Konsequenz ist, dass viele Frauen mit ADHS zwei unerkannte Erkrankungen gleichzeitig tragen, deren Zusammenspiel ihnen das Leben jeden Monat schwerer macht.

Behandlungsmöglichkeiten im Überblick

PMDS ist behandelbar. Das ist eine der wichtigsten Botschaften für alle Betroffenen. Welche Behandlung infrage kommt, ist jedoch individuell sehr unterschiedlich und sollte immer gemeinsam mit entsprechend qualifizierten Fachpersonen entschieden werden.

Die aktuell am besten belegten Behandlungsoptionen umfassen vier Bereiche:

  1. Pharmakologische Behandlung. 

    Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) sind das pharmakologische Mittel der ersten Wahl bei PMDS. Sie werden entweder kontinuierlich oder nur in der Lutealphase eingenommen und zeigen bei vielen Betroffenen eine gute Wirkung, oft deutlich schneller als bei der Behandlung von Depressionen.

  2. Hormonelle Ansätze.

    Bestimmte orale Kontrazeptiva (Verhütungsmittel) können bei manchen Frauen die zyklischen Schwankungen abmildern. Allerdings zeigen Studien, dass hormonelle Verhütungsmittel bei jungen Frauen mit ADHS teilweise mit einem erhöhten Depressionsrisiko einhergehen können. Daher erfordert dieser Behandlungsansatz eine besonders sorgfältige Absprache und Abwägung mit einer erfahrenen Fachperson.

  3. Psychotherapie.

    Insbesondere kognitive Verhaltenstherapie zeigt gute Wirksamkeit bei PMDS, allein oder begleitend. Sie kann helfen, mit der zyklischen Dynamik umzugehen, Trigger zu erkennen und Strategien für die schwierigen Tage zu entwickeln.

  4. Lebensstilbezogene Ansätze.

    Regelmäßiger Schlaf, moderate Bewegung, strukturierte Mahlzeiten und Stressreduktion können die Symptomschwere verringern. Sie sind kein Ersatz für andere Behandlungen, aber eine wichtige Grundlage.

Bei Frauen mit ADHS kommt eine weitere Überlegung hinzu: Erste Hinweise aus der klinischen Forschung deuten darauf hin, dass die Wirkung von ADHS-Medikamenten in der Lutealphase verändert sein kann. Einige spezialisierte Behandler*innen beginnen deshalb, die Dosierung zyklusbezogen anzupassen. Dieser Ansatz ist noch jung und sollte ausschließlich in Absprache mit einer erfahrenen ADHS-Fachperson erfolgen.

Wenn du dich in diesen Beschreibungen wiederfindest

Wenn du beim Lesen immer wieder genickt hast oder dich in den Beschreibungen gesehen gefühlt hast, ist das ein wichtiger Hinweis. Es ist noch keine Diagnose, aber etwas, der ernst genommen werden darf.

Ein erster konkreter Schritt kann sein, deine Symptome über zwei bis drei vollständige Zyklen zu dokumentieren. Täglich kurz notieren, wie es dir emotional, körperlich und kognitiv geht. Dafür gibt es standardisierte Tools wie das Daily Record of Severity of Problems (DRSP), aber auch ein einfaches Notizbuch kann reichen. Diese Dokumentation ist Gold wert, wenn du dich anschließend an eine Fachperson wendest.

Für die Abklärung und Behandlung eignen sich psychiatrische oder psychotherapeutische Praxen, idealerweise mit Erfahrung im Bereich reproduktiver Psychiatrie. Auch spezialisierte PMDS-Sprechstunden an Universitätskliniken sind eine wertvolle Anlaufstelle. Frag gezielt nach Erfahrung mit PMDS und mit ADHS bei Frauen, beides zusammen ist noch ein seltenes Fachgebiet.

Bei akuter Krisensituation stehen die psychiatrischen Notaufnahmen sowie die Telefonseelsorge (0800 111 0 111, rund um die Uhr, anonym und kostenfrei) zur Verfügung. Das Suizidrisiko ist bei PMDS erhöht, besonders in den Tagen unmittelbar vor der Menstruation. Diese Momente sind real, auch wenn sie sich wenige Tage später wie weit weg anfühlen. Du musst sie nicht allein durchstehen.

Ausblick

Ein Monster zu bekämpfen wird oft leichter, sobald es einen Namen hat. Und wenn wir wissen, dass wir mit diesem Kampf nicht allein sind. Besonders, wenn es jeden Monat von vorn losgeht.

PMDS ist real. Sie ist erforscht, und sie ist behandelbar.

Und du musst sie nicht allein tragen.

Monatliche Hochs und Tiefs wie diese sind kein Zeichen von Instabilität, mangelnder Selbstdisziplin oder Schwäche. Sie sind Ausdruck eines Gehirns, das besonders empfindlich auf hormonelle Veränderungen reagiert. Diese Empfindlichkeit kann nicht mit Disziplin reguliert werden. Aber du kannst lernen, mit ihr umzugehen, dir Unterstützung zu holen und einen Rahmen zu schaffen, in dem auch die schwierigen Tage im Monat ihren Platz haben dürfen.

Dein Gehirn durchläuft jeden Monat eine außergewöhnliche Herausforderung. Dass du trotzdem funktionierst, verdient Anerkennung. Dass du nach einem anderen Weg suchst, erst recht.

Quellen

  • Broughton, T., Lambert, E., Wertz, J., & Agnew-Blais, J. (2025). Increased risk of provisional premenstrual dysphoric disorder (PMDD) among females with attention-deficit hyperactivity disorder (ADHD): Cross-sectional survey study. British Journal of Psychiatry, 226(6), 410–417. https://doi.org/10.1192/bjp.2025.104

  • de Jong, M., Wynchank, D.S.M.R., van Andel, E., Beekman, A.T.F., & Kooij, J.J.S. (2023). Female-specific pharmacotherapy in ADHD: Premenstrual adjustment of psychostimulant dosage. Frontiers in Psychiatry, 14, 1306194. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2023.1306194

  • Dorani, F., Bijlenga, D., Beekman, A.T.F., van Someren, E.J.W., & Kooij, J.J.S. (2021). Prevalence of hormone-related mood disorder symptoms in women with ADHD. Journal of Psychiatric Research, 133, 10–15. https://doi.org/10.1016/j.jpsychires.2020.12.005

  • Hantsoo, L., & Payne, J.L. (2023). Towards understanding the biology of premenstrual dysphoric disorder: From genes to GABA. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 149, 105168. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2023.105168

  • Kühner, C., & Nayman, S. (2025). Prämenstruelle dysphorische Störung. Die Psychotherapie, 70, 117–134. https://doi.org/10.1007/s00278-025-00766-5

  • Lundin, C., Wikman, A., Wikman, P., Kopp Kallner, H., Sundström-Poromaa, I., & Skoglund, C. (2023). Hormonal contraceptive use and risk of depression among young women with attention-deficit/hyperactivity disorder. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 62(6), 665-674. https://doi.org/10.1016/j.jaac.2022.07.847

  • Osianlis, E., Thomas, E.H.X., Jenkins, L.M., & Gurvich, C. (2025). ADHD and sex hormones in females: A systematic review. Journal of Attention Disorders, 29(9), 706–723. https://doi.org/10.1177/10870547251332319

  • Wynchank, D., Sutrisno, R.M.G.T.M.F., van Andel, E., & Kooij, J.J.S. (2025). Menstrual cycle-related hormonal fluctuations in ADHD: Effect on cognitive functioning – A narrative review. Journal of Clinical Medicine, 15(1), 121. https://doi.org/10.3390/jcm15010121

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