Mit dem Zyklus statt gegen dich: Warum zyklusbasiertes Selbstmanagement bei ADHS so viel verändern kann

Intro:

Manche Wochen fühlen sich erstaunlich produktiv an. Andere, als wären unsere bisherigen Strategien und Erfolge einfach ausradiert worden. Als müssten wir plötzlich noch einmal komplett bei Null anfangen. Gerade lief alles noch ziemlich gut, aber auf einmal wissen wir überhaupt nicht mehr weiter - weil einfach nichts mehr funktioniert.

Viele Frauen mit ADHS erleben solche Muster und versuchen immer wieder, neue Lösungen für ihre “Tiefphasen” zu finden. Treten diese jedoch trotz aller Bemühungen immer wieder auf, kann sich das ziemlich frustrierend oder gar entmutigend anfühlen.

Was wir in unseren Bemühungen jedoch oft übersehen, ist, dass wir als Frauen jeden Monat (unterschiedlich starke) zyklische und hormonelle Schwankungen erleben. Dadurch hat jede von uns ihren ganz eigenen Rhythmus, der nicht nur unseren Körper, sondern auch unsere Gehirnaktivität beeinflussen kann. Ein ziemlich starkes Instrument also, das wir uns bei unseren Planungen und Bemühungen viel öfter zunutze machen dürfen.

Genau dafür soll dir dieser Beitrag eine Grundlage geben. Wir schauen uns an, wie der weibliche Zyklus deine ADHS-Symptome beeinflussen kann, welche vier Phasen dein Gehirn dabei durchläuft und was zyklusbasiertes Selbstmanagement konkret bedeuten kann.

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Der weibliche Zyklus wird oft als körperlicher Vorgang beschrieben, der sich vor allem im Unterleib abspielt. Studien der letzten Jahre zeigen jedoch immer deutlicher, dass er weit darüber hinausgeht. Hormone wie Östrogen und Progesteron sind neuroaktive Substanzen, die die Blut-Hirn-Schranke passieren und im Gehirn direkt an Rezeptoren binden. Sie beeinflussen Botenstoffe, die für Konzentration, Stimmung, Motivation und emotionale Regulation zuständig sind - und damit genau jene Bereiche, die bei ADHS ohnehin herausgefordert sind.

Das Zusammenspiel von Hormonen und dem ADHS-Gehirn

Im Zentrum der Verbindung zwischen Zyklus und ADHS steht das Zusammenspiel von Östrogen und Dopamin. Dopamin ist jener Botenstoff, der bei ADHS bereits anders reguliert ist und eine zentrale Rolle für Aufmerksamkeit, Motivation, Impulskontrolle und auch den Antrieb, Aufgaben überhaupt anzufangen, spielt.

Östrogen wirkt im Gehirn wie ein natürlicher Verstärker des Dopaminsystems. Es fördert die Dopaminproduktion und hemmt gleichzeitig dessen Abbau. Zusätzlich unterstützt es Serotonin (einen Botenstoff, der an Stimmung, Schlaf und emotionaler Stabilität beteiligt ist) und Noradrenalin (das für Wachheit, Fokus und Stressreaktionen wichtig ist). Wenn Östrogen steigt, verbessert sich die Verfügbarkeit dieser Botenstoffe. Wenn es sinkt, sinkt sie ebenfalls.

Progesteron, das zweite große Zyklushormon, wirkt in vielerlei Hinsicht gegenläufig. Es hat einen beruhigenden Effekt auf das Nervensystem, kann aber auch kognitive Prozesse verlangsamen und die stimmungsstabilisierende Wirkung von Östrogen abschwächen.

Bei einem Gehirn, das ohnehin mit Dopaminregulation zu tun hat, machen diese Schwankungen erheblich mehr aus als bei einem neurotypischen Gehirn.

Was bedeutet Dopaminverfügbarkeit?
Dopamin ist ein Botenstoff, der Signale zwischen Nervenzellen überträgt. Verfügbarkeit beschreibt, wie viel davon im Gehirn aktiv wirkt. Bei ADHS ist die Dopaminregulation neurobiologisch verändert, was dazu beitragen kann, dass Motivation, Fokus und der Start von Aufgaben schwerer fallen. Wenn Östrogen die Dopaminproduktion ankurbelt, kann sich das vorübergehend spürbar verbessern. Wenn Östrogen sinkt, kann das Gegenteil eintreten. Mehr innere Unruhe, weniger Fokus, stärkere emotionale Reaktionen.

Die vier Phasen und was sie für ADHS bedeuten

Ein durchschnittlicher Zyklus dauert etwa 28 Tage und lässt sich grob in vier Phasen unterteilen. Jede bringt andere Hormonverhältnisse und damit andere Bedingungen für das ADHS-Gehirn.

Phase 1: Menstruation (ca. Tag 1 bis 5)

Östrogen und Progesteron sind auf ihrem niedrigsten Stand. Viele Frauen mit ADHS berichten in dieser Phase von verstärkter Erschöpfung, Reizbarkeit und Konzentrationsschwierigkeiten. Gleichzeitig kann es sich nach dem starken Abfall der Vorphase wie eine gewisse Erleichterung anfühlen, weil die emotionale Intensität der Lutealphase nachlässt. Diese Phase können wir als eine Einladung verstehen, uns zurückzuziehen und zu regenerieren, anstatt Höchstleistungen zu erwarten. Viel lieber dürfen wir hier Kräfte für den nächsten Aufschwung tanken.

Phase 2: Follikelphase (ca. Tag 6 bis 13)

Der Östrogenspiegel steigt kontinuierlich an. Viele Frauen erleben in dieser Zeit mehr Fokus, mehr Energie und eine stabilere Stimmungslage. Ideen kommen leichter, der Einstieg in Aufgaben fühlt sich weniger zäh an. Für Frauen mit ADHS kann das eine der produktivsten Phasen im Monat sein. Sie lädt dazu ein, sich den Rückenwind der Neurologie zunutze zu machen, um wichtige (oder vielleicht auch ungeliebte) Aufgaben zu bewältigen.

Phase 3: Eisprung (ca. Tag 14)

Kurz vor dem Eisprung erreicht Östrogen seinen Höhepunkt, zusätzlich steigt kurzzeitig Testosteron. Viele Frauen berichten dann von gesteigerter Energie, Kommunikationsfreude und Selbstsicherheit. Eine Phase, in der soziale Aufgaben, Präsentationen oder kreative Projekte gut gelingen können.

Direkt nach dem Eisprung fällt Östrogen jedoch meist rasch und deutlich ab. Dieser periovulatorische Östrogenabfall ist einer der stärksten im gesamten Zyklus und kann sich bei Frauen mit ADHS deutlich bemerkbar machen. Konzentration und Stimmung können kippen, obwohl die klassische Lutealphase noch nicht begonnen hat. Aktuelle Forschung weist darauf hin, dass nicht der absolute Hormonspiegel entscheidend ist, sondern gerade die rapiden Abfälle. ADHS-Symptome scheinen besonders sensibel auf diese Übergänge zu reagieren.

Phase 4: Lutealphase (ca. Tag 15 bis 28)

Nach dem Eisprung bleibt Progesteron erhöht, Östrogen sinkt weiter. In der zweiten Hälfte der Lutealphase, besonders in den Tagen vor der Menstruation, erreicht Östrogen seinen niedrigsten Wert im Zyklus. Für Frauen mit ADHS ist das oft die herausforderndste Zeit. Konzentration fällt schwerer, Reizbarkeit und emotionale Dysregulation nehmen zu, die Wirkung von ADHS-Medikamenten kann sich verändert anfühlen. Studien deuten darauf hin, dass sinkende Östrogenspiegel mit einem deutlichen Anstieg der ADHS-Symptomstärke einhergehen können. Meist betrifft das besonders die Unaufmerksamkeit und Impulsivität.

Warum lineare Planung für ADHS-Gehirne oft schwierig ist

Klassische Produktivitätssysteme sind linear gebaut. Sie gehen davon aus, dass Leistungsfähigkeit über den Tag und die Woche relativ konstant ist (oder entsprechend genügend Disziplin und die richtigen Routinen vorhanden sind). Für viele Frauen mit ADHS ist diese Grundannahme aus zwei Gründen problematisch.

  1. Die Energiekurve eines ADHS-Gehirns. Aufgrund mehrerer neurobiologischer Ursachen verläuft diese ohnehin nicht gleichmäßig. Unsere Dopaminregulation ist reizabhängiger, weshalb Motivation und Energie stark davon abhängen, wie neu, interessant oder emotional aktivierend eine Aufgabe wirkt. Fehlen diese Reize, fehlt oft auch der Antrieb. Gleichzeitig kompensieren ADHS-Gehirne viele Vorgänge, die bei anderen automatisch ablaufen. Das bedeutet für uns mehr kognitive Anstrengung bei alltäglichen Aufgaben, was schneller zu Erschöpfung führt. Hinzu kommen Phasen von Hyperfokus, in denen stundenlange Höchstleistung möglich ist - gefolgt von ausgeprägten Erschöpfungstiefs. Viele Menschen mit ADHS haben zudem einen leicht verschobenen zirkadianen Rhythmus, sodass ihre Leistungshochs oft später am Tag liegen. Auch emotionale Reize kosten mehr Energie, weil sie intensiver erlebt und schwerer reguliert werden.

  2. Der weibliche Zyklus. Dieser bringt eine weitere, natürliche Schwankung in unseren Alltag ein. Dadurch entsteht ein doppelt schwankendes System, welches langfristig nur begrenzt durch lineare Werkzeuge getragen werden kann. Und genau das haben viele Frauen mit ADHS bereits gespürt. Wir finden eine neue Strategie, die dieses Mal wirklich zu uns passen könnte. Voller Euphorie bauen wir uns damit ein neues System, und am Anfang läuft es wirklich gut. Innerhalb weniger Wochen können wir uns jedoch immer weniger an unseren eigenen Plan halten. Bis wir es schließlich doch wieder aufgeben.

Was dann bleibt, ist meist Frustration. Oder oft auch das Gefühl, versagt zu haben. Dabei lag es gar nicht an uns - sondern an dem System und seinen Werkzeugen, die einfach nicht zu uns gepasst haben.

Zyklusbasiertes Selbstmanagement dreht diesen Ansatz um. Statt zu versuchen, jeden Tag gleich (leistungsfähig) zu sein, werden die natürlichen, zyklischen Schwankungen zur Grundlage der Planung.

Was zyklusbasiertes Selbstmanagement bedeutet

Bei Frauen mit ADHS kann der Begriff “zyklusbasiertes Selbstmanagement” im ersten Moment auf massiven inneren Widerstand stoßen. Dem zugrunde liegt meist ihr besonders hoher Leistungsanspruch an sich selbst. Was im ersten Moment nicht wie Selbst- oder Leistungsverbesserung erscheint, wird durch diese Brille häufig als bedrohlich eingestuft und aus Selbstschutz abgewertet. “Ich kann es mir nicht leisten, nicht durchgehend mein Bestes zu geben.”

Entgegen anfänglicher Annahmen wie dieser bedeutet zyklusbasiertes Selbstmanagement jedoch nicht, in bestimmten Wochen nichts zu tun oder weniger produktiv zu sein. Vielmehr bedeutet es, Aufgaben, Anforderungen und Erholung so zu verteilen, dass sie zur tatsächlich verfügbaren Energie passen.

Konkret kann das beispielsweise so aussehen:

  • Energieintensive Aufgaben wie wichtige Gespräche, kreative Projekte oder komplexe Entscheidungen werden bewusst in Phasen gelegt, in denen Östrogen und damit die Dopaminverfügbarkeit hoch sind.

  • Ruhigere, administrativere Aufgaben finden in Phasen statt, in denen das System weniger Kapazität hat. In der Zeit nach dem Eisprung und der Lutealphase werden Erwartungen bewusst angepasst. Mit mehr Puffer, kürzeren Aufgabenblöcken und mehr Selbstfürsorge.

Dazu gehört natürlich, den eigenen Zyklus überhaupt erst zu beobachten. Ein einfaches Symptomtagebuch, in dem Energie, Fokus, Stimmung & Erschöpfung täglich notiert werden, kann bereits nach wenigen Zyklen Muster sichtbar machen, die vorher wie zufällige schlechte Tage wirkten.

Ein wichtiger Hinweis: Die Forschung zu Zyklus und ADHS ist noch jung. Viele Studien basieren auf kleinen Stichproben, und individuelle Unterschiede sind erheblich. Nicht jede Frau erlebt jede Phase gleich, und hormonelle Verhütungsmittel können die natürlichen Zyklusmuster verändern. Zyklusbasiertes Selbstmanagement ist kein Allheilmittel, sondern ein Werkzeug, das es wert ist, ausprobiert und individuell angepasst zu werden.

Warum das Wissen allein oft nicht reicht

Zu verstehen, dass dein Zyklus deine ADHS beeinflusst, ist ein wichtiger erster Schritt. Der Schritt vom Verstehen zum Umsetzen ist jedoch oft größer, als er auf den ersten Blick wirkt.

Zyklusbasiertes Selbstmanagement erfordert mehr als eine Tabelle oder einen Farbplan. Es erfordert, die eigenen Muster wirklich zu kennen. Zu wissen, wie sich der eigene Eisprung und die Lutealphase anfühlen, welche Aufgaben in der Follikelphase besonders gut gelingen und welche nicht, wo Puffer notwendig und möglich sind, und wo mehr Vertrauen in die eigene Kapazität entstehen darf. Und es erfordert die Bereitschaft (und Geduld), ein System aufzubauen, das flexibel genug ist, um mit dir zu schwingen statt gegen dich.

Dieser Prozess ist deutlich aufwändiger als eine Routine zu übernehmen, und Erfolgserlebnisse sind eher mittelfristig als sofortig zu erwarten. Eine echte Motivations-Bremse für die meisten ADHS-Gehirne. Deshalb kann es sich sehr lohnen, diesen Prozess nicht allein zu bestreiten.

Freundinnen, die diesen Prozess ebenfalls durchlaufen möchten, Accountability-Partner*innen, oder professionelle Angebote können eine echte Unterstützung dabei sein - und ganz nebenbei der erste Schritt, um dir ein System zu bauen, das wirklich zu deinen Stärken und Bedürfnissen passt.

Ausblick

Dein Zyklus ist ein Teil von dir. Jeden Monat sendet er dir Signale, die du nutzen kannst. Und je besser du das Zusammenspiel von deinem Zyklus und deinem Gehirn verstehst, desto mehr Handlungsspielraum entsteht. Um einen Alltag zu gestalten, der deine Stärken ausspielt und gleichzeitig Raum für deine Bedürfnisse lässt.

Deine Energie ist nicht jeden Tag gleich. Und das muss sie auch nicht sein.

Quellen

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Still sitzen, laut denken: wie unterschiedlich ADHS bei Frauen und Männern aussehen kann