Wenn die zweite Zyklushälfte alles verändert: Die Lutealphase bei ADHS
Intro:
Für viele Frauen mit ADHS ist die Lutealphase (kurz vor der Menstruation) die schwierigste Zeit im Monat.
Konzentration wird schwerer, Emotionen intensiver, und selbst Aufgaben, die sonst leicht fallen, fühlen sich plötzlich überwältigend an. Wir sind frustriert. Gereizt. Müde. Eigentlich lief gerade alles ziemlich gut, aber jetzt stehen wir uns schon wieder selbst im Weg und gefühlt funktioniert einfach GAR NICHTS. Und das nur, weil wir uns mal wieder einfach nicht genug zusammenreißen können. Oder weil wir noch nicht wissen, was in dieser Zyklusphase eigentlich in unserem Gehirn passiert - und wir gar nicht so sehr versagt haben, wie wir in diesen Momenten vielleicht manchmal denken.
In diesem Beitrag erfährst du, was in der Lutealphase im Gehirn passiert, warum ADHS-Symptome sich verstärken können und wie du mit dieser Phase bewusster und liebevoller umgehen kannst.
Die Lutealphase ist eine Zeit, in der sich neurobiologisch tatsächlich viel verändert. Und eine Zeit, die es verdient, ernster genommen zu werden, als es in den meisten Alltagsroutinen tatsächlich der Fall ist.
Was in der Lutealphase passiert
Die Lutealphase beginnt nach dem Eisprung und dauert bis zum Einsetzen der Menstruation, insgesamt etwa 14 Tage. In dieser Zeit sinkt das Hormon Östrogen deutlich ab und Progesteron übernimmt die Hauptrolle.
Östrogen fördert die Dopaminverfügbarkeit (wichtig für Aufmerksamkeit, Motivation, Impulskontrolle & Antrieb) und unterstützt Serotonin (wichtig für Stimmung, Schlaf & emotionale Stabilität) und Noradrenalin (wichtig für Wachheit, Fokus & Stressreaktionen).
Progesteron hingegen wirkt beruhigend auf das Nervensystem und kann sowohl kognitive Prozesse verlangsamen, als auch die stimmungsstabilisierende Wirkung von Östrogen abschwächen.
(Mehr Infos über das Zusammenspiel von Hormonen und dem ADHS-Gehirn im Verlauf des weiblichen Zyklus findest du hier.)
Progesteron steigt nach dem Eisprung deutlich an, erreicht in der Mitte der Lutealphase seinen Höchstwert und fällt vor der Menstruation wieder ab. Östrogen hingegen fällt nach dem Eisprung zunächst deutlich und rapide ab, zeigt in der mittleren Lutealphase noch einen kleineren Anstieg und sinkt dann stetig, bis es kurz vor der Blutung seinen niedrigsten Wert im gesamten Zyklus erreicht.
Für ein neurotypisches Gehirn bedeutet das eine spürbare, aber meist bewältigbare Veränderung. Für ein ADHS-Gehirn ist diese Verschiebung deutlich einschneidender. Denn Östrogen wirkt im Gehirn wie ein natürlicher Verstärker des Dopaminsystems, welches bei ADHS ohnehin unregelmäßiger reguliert ist. Wenn Östrogen sinkt, verringert sich die Dopaminverfügbarkeit - und mit ihr (beispielsweise) die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, Aufgaben zu beginnen, Reize zu filtern und Emotionen zu regulieren.
Zusätzlich verändert der Anstieg von Progesteron die Aktivität im GABA-System, welches beruhigende und hemmende Signale sendet. Dieser Mechanismus wirkt sich auf Frauen meist entspannend aus. Laut ersten Hinweisen aus der Forschung kann dieser bei Frauen mit ADHS (oder erhöhter hormoneller Sensibilität) jedoch das Gegenteil bewirken und Reizbarkeit, innere Unruhe und emotionale Überforderung auslösen.
Was ist das GABA-System? GABA (Gamma-Amino-Buttersäure) ist der wichtigste hemmende Botenstoff im Gehirn. Er sorgt dafür, dass Nervenzellen weniger stark feuern, was zumeist beruhigend wirkt. Progesteron beeinflusst dieses System über einen seiner Abbaustoffe, Allopregnanolon. Dieser bindet an GABA-Rezeptoren und verstärkt typischerweise die beruhigende Wirkung. Bei manchen Frauen, besonders bei jenen mit hormoneller Sensibilität oder ADHS, kann dieselbe Bindung jedoch paradoxerweise Unruhe, Reizbarkeit und emotionale Instabilität auslösen. Die Forschung dazu ist noch jung, aber sie liefert Hinweise darauf, warum die Lutealphase für manche Frauen deutlich herausfordernder ist als für andere.
Warum ADHS-Symptome in dieser Phase stärker werden
Aktuelle Forschung deutet zunehmend darauf hin, dass ADHS-Gehirne besonders sensibel auf rapide Abfälle des Östrogenspiegels reagieren. Eine umfassende narrative Übersichtsarbeit von Wynchank et al. (2025) zeigt, dass Frauen mit ADHS in der mittleren und späten Lutealphase besonders häufig über Beeinträchtigungen in Aufmerksamkeit, Exekutivfunktionen und Impulskontrolle berichten. Diese subjektiven Erfahrungen werden zunehmend auch durch objektive kognitive Tests bestätigt.
Die konkrete Erlebensweise unterscheidet sich von Frau zu Frau, aber einige Muster tauchen besonders häufig auf.
Häufige Muster
Konzentration wird brüchiger. Aufgaben, die vorher leicht fielen, brauchen plötzlich mehr Anläufe oder längere Bearbeitungszeit. Kleine Ablenkungen wirken wie große Störungen. Der Faden, den man gerade noch im Kopf hatte, verschwindet plötzlich, bevor man ihn zu Ende denken kann.
Emotionen kommen intensiver und schneller. Ein Kommentar, den man sonst leicht wegstecken würde, löst plötzlich Tränen oder Wut aus. Selbstzweifel, die im Alltag im Hintergrund waren, drängen sich in den Vordergrund. Die eigene Frustrationstoleranz sinkt spürbar.
Die Reizverarbeitung verändert sich. Geräusche, Licht, Menschen und Anforderungen wirken stärker als sonst. Was sonst ein normaler Tag ist, kann sich wie eine dauerhafte Überforderung anfühlen.
Der Antrieb sinkt. Selbst Dinge, die eigentlich Freude machen, wirken plötzlich zäh. Das Gefühl, bei allem hinterherzuhinken, wächst - obwohl sich das Umfeld nicht verändert hat.
Diese Empfindungen und Wahrnehmungen sind keine Einbildung. Es sind reale, hormonell mitgesteuerte Veränderungen, die auf ein Gehirn treffen, das ohnehin empfindlicher auf Dopaminschwankungen reagiert.
Warum diese Phase so oft unterschätzt wird
Die Lutealphase wird in unserer Alltagswelt kaum berücksichtigt. Termine, Deadlines, Familienpflichten und berufliche Anforderungen laufen weiter - egal welcher Zyklustag gerade ist. Als Frauen mit ADHS haben wir oft schon früh gelernt, unsere Symptome zu kompensieren und zu verbergen. In der Lutealphase reichen die gewohnten Kompensationsstrategien plötzlich nicht mehr aus - und der Rückschluss liegt nahe, dass wir selbst die Schuld dafür tragen, oder einfach versagt haben.
Hinzu kommt, dass wir die Symptome dieser Phase oft nicht direkt mit den hormonellen Veränderungen in Verbindung bringen. Eher ordnen wir sie als Stress, Erschöpfung, mangelnde Disziplin oder emotionale Überreaktion ein. Wenn sich diese Muster jedoch immer wieder wiederholen, dürfen und sollten wir hinterfragen, ob es wirklich an uns liegt - an unserer Belastbarkeit, Zurechnungsfähigkeit, Leistungsfähigkeit, … - oder ob es vielleicht eine andere Erklärung dafür gibt.
Was wir in der Lutealphase eigentlich brauchen, ist nicht mehr Disziplin. Es ist vielmehr eine bewusstere Anpassung unserer Erwartungen und Werkzeuge - an das, was unser Nervensystem in dieser Zeit tatsächlich leisten kann.
Wege, mit der Lutealphase bewusster und liebevoller umzugehen
Die Lutealphase lässt sich nicht umgehen. Aber die Art, wie du ihr begegnest, kann viel verändern.
Erwartungen anpassen. Wenn du weißt, was in dieser Phase möglich ist und was vielleicht eher nicht, wird jeder Tag leichter, an dem du nicht gegen deine eigene Neurobiologie planst (oder kämpfst). Konkret kann das bedeuten, energieintensive Aufgaben, wichtige Gespräche oder komplexe Entscheidungen möglichst in andere Zyklusphasen zu legen. Und in der Lutealphase mehr Puffer, mehr Pausen und kürzere Aufgabenblöcke einzuplanen.
Emotionale Reaktionen einordnen. Was in dieser Phase besonders intensiv wirkt, verliert ein bis zwei Tage nach Beginn der Menstruation oft wieder an Wucht. Sich in schwierigen Momenten daran zu erinnern, dass die eigene Wahrnehmung gerade hormonell verstärkt ist, kann Abstand schaffen, ohne dass die Gefühle abgewertet werden.
Reizquellen reduzieren. Da die Reizverarbeitung sensibler ist, hilft es, das Umfeld bewusst zu entlasten. Weniger Termine, mehr Rückzugsmöglichkeiten, weniger Lärm, weniger visuelle Reize. Kleine Maßnahmen wie gedämpftes Licht, ruhige Musik oder ein bewusst leerer Kalender können einen spürbaren Unterschied machen.
Körperliche Basisversorgung stärken. Schlaf, Bewegung und regelmäßige Mahlzeiten wirken in der Lutealphase noch stärker als sonst. Studien weisen darauf hin, dass ausreichend Schlaf und regelmäßige moderate Bewegung positive Effekte auf Stimmung, Konzentration und emotionale Regulation haben können - besonders in der zweiten Zyklushälfte.
Den eigenen Zyklus beobachten. Ein einfaches Symptomtagebuch über zwei bis drei Zyklen kann Muster sichtbar machen, die vorher unsichtbar waren. Zu wissen, an welchen Tagen es typischerweise schwerer wird, verändert bereits, wie du dich darauf einstellen kannst.
Wenn die Lutealphase zur echten Krise wird
Nicht jede schwierige Lutealphase ist ein Grund zur Sorge. Wenn die Symptome jedoch so stark werden, dass sie den Alltag, Beziehungen oder die eigene Sicherheit deutlich beeinträchtigen, kann eine sogenannte Prämenstruelle Dysphorische Störung (PMDS) vorliegen.
Studien deuten darauf hin, dass Frauen mit ADHS deutlich häufiger von PMDS betroffen sind als die Allgemeinbevölkerung. Während in der Allgemeinbevölkerung etwa 3 bis 8 % der Frauen unter PMDS leiden, zeigen Untersuchungen an Frauen mit ADHS Prävalenzraten zwischen etwa 31 % und 45 % (Dorani et al., 2021; Broughton et al., 2025). Das ist ein bemerkenswerter Unterschied, der die Wichtigkeit unterstreicht, den Zusammenhang zwischen ADHS und Zyklus ernst zu nehmen.
Wer regelmäßig starke depressive Verstimmungen, Suizidgedanken oder schwere emotionale Krisen in der zweiten Zyklushälfte erlebt, sollte das nicht allein durchstehen oder als “normalen Teil des Zyklus” abtun. Wiederkehrende Symptome wie diese verdienen eine Abklärung in einem fachlich geeigneten Rahmen.
Sowohl für die Abklärung als auch Behandlung eignen sich psychiatrische oder psychotherapeutische Praxen, idealerweise mit Erfahrung im Bereich reproduktiver Psychiatrie oder hormonell bedingter Störungen. Auch spezialisierte PMDS-Sprechstunden an Universitätskliniken können eine wertvolle Anlaufstelle sein. Bei akuter Krisensituation stehen die psychiatrischen Notaufnahmen sowie die Telefonseelsorge (0800 111 0 111, rund um die Uhr, anonym und kostenfrei) zur Verfügung.
Auch unterhalb dieser Schwelle kann professionelle Unterstützung wertvoll sein. ADHS-Coaching oder Therapie, die den weiblichen Zyklus mit einbezieht (oder auch spezifische Hilfsangebote), können dabei helfen, die eigenen Muster zu verstehen und Strategien zu entwickeln, die zur individuellen Zyklusdynamik passen. Ein sicherer Rahmen, in dem diese Erfahrungen nicht bagatellisiert werden, ist oft der erste Schritt zu einem entlastenden Umgang.
Ausblick
Die Lutealphase ist keine Phase von Schwäche. Sie ist eine Zeit, in der dein Nervensystem sensibler arbeitet und weniger Reserven hat, weil dein Körper hormonell anders aufgestellt ist als in den Wochen davor. Diese Sensibilität ernst zu nehmen, ist kein Nachgeben. Es ist Selbstkenntnis - und Selbstfürsorge.
Je besser du verstehst, was in dieser Phase in deinem Körper und deinem Gehirn passiert, desto mehr kannst du sie gestalten, statt sie zu erleiden oder nur durchzuhalten. Und ganz nebenbei kannst du damit auch beeinflussen, wie erschöpft oder gestärkt du die darauffolgenden Zyklusphasen erleben wirst.
Quellen
Broughton, T., Lambert, E., Wertz, J., & Agnew-Blais, J. (2025). Increased risk of provisional premenstrual dysphoric disorder (PMDD) among females with attention-deficit hyperactivity disorder (ADHD): Cross-sectional survey study. British Journal of Psychiatry, 226(6), 410–417. https://doi.org/10.1192/bjp.2025.104
de Jong, M., Wynchank, D.S.M.R., van Andel, E., Beekman, A.T.F., & Kooij, J.J.S. (2023). Female-specific pharmacotherapy in ADHD: Premenstrual adjustment of psychostimulant dosage. Frontiers in Psychiatry, 14, 1306194. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2023.1306194
Dorani, F., Bijlenga, D., Beekman, A.T.F., van Someren, E.J.W., & Kooij, J.J.S. (2021). Prevalence of hormone-related mood disorder symptoms in women with ADHD. Journal of Psychiatric Research, 133, 10–15. https://doi.org/10.1016/j.jpsychires.2020.12.005
Eng, A.G., Nirjar, U., Elkins, A.R., Sizemore, Y.J., Monticello, K.N., Petersen, M.K., Miller, S.A., Barone, J., Eisenlohr-Moul, T.A., & Martel, M.M. (2024). Attention-deficit/hyperactivity disorder and the menstrual cycle: Theory and evidence. Hormones and Behavior, 158, 105466. https://doi.org/10.1016/j.yhbeh.2023.105466
Lin, P.-C., Ko, C.-H., & Yen, J.-Y. (2022). Early and late luteal executive function, cognitive and somatic symptoms, and emotional regulation of women with premenstrual dysphoric disorder. Journal of Personalized Medicine, 12(5), 819. https://doi.org/10.3390/jpm12050819
Osianlis, E., Thomas, E.H.X., Jenkins, L.M., & Gurvich, C. (2025). ADHD and sex hormones in females: A systematic review. Journal of Attention Disorders, 29(9), 706–723. https://doi.org/10.1177/10870547251332319
Wynchank, D., Sutrisno, R.M.G.T.M.F., van Andel, E., & Kooij, J.J.S. (2025). Menstrual cycle-related hormonal fluctuations in ADHD: Effect on cognitive functioning – A narrative review. Journal of Clinical Medicine, 15(1), 121. https://doi.org/10.3390/jcm15010121

